Wieder zueinander finden

von Nicole Katzenschlager

In einer Wegwerfgesellschaft den Mut zum Reparieren zu haben — macht das Sinn? Durchaus! Denn jeder der lernt, wie eine Paarbeziehung, die sich entfremdet hat, wieder zu den Anfängen der Liebesbeziehung zurückkehren kann, lernt, Menschen, die einem wichtig sind, in ihrem Leben zu halten, anstelle weiterzuziehen.

 

Die Narben des eigenen Versagens, aber auch die nicht erhaltene Wertschätzung, dass jemand um uns kämpft, nehmen wir in die nächste Beziehung mit und belasten damit auch sie. Wir gehen weniger tiefe Beziehungen ein, weil wir emotionalen Verletzungen aus dem Weg gehen möchten. Abgesehen davon, dass die unbewussten Trigger vorangegangener Beziehungen uns ohnehin täglich einholen. Das kann soweit gehen, dass wir alles, was vergangene Partner an Negativem bei uns hinterlassen haben, als Ausschlusskriterien definieren, bis nichts mehr übrig bleibt. Macht das wirklich Sinn?

Wir alle wünschen uns eine erfüllte, lebendige und nährende Partnerschaft, die den Stürmen des Lebens standhält, ein Verbundensein in tiefer Liebe!

Keine Frage, es ist nicht immer einfach, eine Beziehung zu leben, doch es lohnt sich, in eine sehr gute Liebesbeziehung zu investieren. Denn wir sind für Verbundenheit gemacht! Liebe ist kein Mysterium, sie ist der mächtigste Überlebenscode unserer Spezies.

Aber: Eine Beziehung zu haben und zu denken, dass diese weder Zeit noch Energie kosten darf, wird scheitern. Ich sehe oft zerrüttete Beziehungen, weil einer oder sogar beide Partner ihre Lebensenergie in den Beruf, in Weiterbildung, Kinder, Freunde und Sport investieren und keine Energie mehr für den Lebenspartner übrig haben. Andererseits verlangen sie, dass er Energietankstelle für sie ist, sie bei allen Vorhaben unterstützt und die eigenen hintanstellt. Das kann vielleicht für kurze Zeit funktionieren, aber nicht über Jahre. Und das liegt nicht am Egoismus oder der Missgunst des Partners, sondern an den Bindungsbedürfnissen, die nie erwidert wurden. Und diese können leider nicht warten …

 

Wenn wir uns wirklich auf eine tiefe Bindung zu einem anderen Menschen einlassen, tun wir uns auch selbst Gutes. Zwei Studien – „The Grand Study“ und „The Glueck Study“ – haben sich über 75 Jahre lang mit der Frage beschäftigt: „Was macht den Menschen wirklich glücklich?“ Über 600 Teilnehmer/-innen aus unterschiedlichen sozialen Gruppen wurden von den Forschern über Jahrzehnte begleitet und ihre Lebensgeschichten verfolgt. Eine Analyse aus der komplexen Datenmenge ergab eine Kern-Erkenntnis: „Gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder.“

Die Qualität unserer tiefen Beziehungen ist eigentlich das Lebenselexier.

Um eine glückliche Liebesbeziehung zu führen, muss niemand lernen, besser zu argumentieren, besser zu verhandeln, die frühe Kindheit zu analysieren oder dem Partner etwas zu beweisen. Worauf es ankommt, ist, die emotionale Verbundenheit am Leben zu erhalten und zu stärken.

Damit es leichter fällt, das im eigenen emotionalen Erleben zu erfahren, lade ich dich zu einer Übung ein. Dabei ist es ganz egal, ob du derzeit in einer Partnerschaft bist oder nicht. Denk an eine Zeit mit einem Partner, lass dich emotional ganz auf die Situationen ein und notiere spontan und ehrlich, was du fühlst:

  • Beschreibe, wie sich Liebe für dich anfühlt.
    Denke dabei an all die Momente, in denen du mit deinem Partner verbunden bist (oder warst). Wie fühlt sich das für dich an? Welche Emotionen kommen auf? Wo im Körper spürst du das am meisten? Welche Erfahrungen waren das?
  • Beschreibe, wie es sich anfühlt, wenn Liebe fehlt? Denk dabei an jene Momente, in denen du dich nicht verbunden fühltest. Wie fühlt es sich an, wenn die Verbundenheit fehlt? Welche Emotionen kommen auf? Wo im Körper spürst du das am meisten? Welche Situationen waren das?

Wenn du in einer Paarbeziehung bist, kannst du die Ergebnisse gerne teilen. Gehe bitte mit dem emotionalen Erleben deines Partners in Resonanz. Anerkenne all seine Gefühle und bewerte oder beurteile sie nicht. Freue dich, wenn du Neues über deinen Partner/deine Partnerin erfahren hast.

Gerade, wenn wir uns verletzlich zeigen und uns offenbaren, müssen wir damit rechnen, dass unsere Partner emotional oder verletzend reagieren.

Mit einer Bindungsverletzung beginnt unser Schutzverhalten und unsere Schutzmuster werden aktiv. Werden wir öfter verletzt, kann dieses Gefühl des Nicht-angenommen-Werdens dazu führen, dass wir unseren Partner unsere Enttäuschung darüber mit absichtlichen Verletzungen spüren lassen wollen. Meist springen daraufhin auch beim Gegenüber die Schutzverhalten und Muster an. Ein Teufelskreis beginnt, der niemandem hilft und schon gar nicht zu unseren eigentlichen Wünschen führt.

In solchen Situationen kann in der Praxis beobachtet werden, dass Paaren oft durchaus bewusst ist, dass einer den anderen verletzt. Eine Haltung von „er/sie kennt mich doch eh und soll doch darüber hinwegsehen“ ist oft der Grund, weshalb sich der Partner abwendet …


Den ganzen Artikel kannst du in CHI 02/22 nachlesen

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