Süchte: Gefahren für Kinder

von Abbas und Kian Schirmohammadi

Süchte und Ängste sind gefährliche Phänomene, die uns an den Abgrund des Lebens bringen können. Acht von zehn volljährigen Österreichern sind nach etwas süchtig, somit verzweifelt auf der Suche nach etwas, das ihnen fehlt, beispielsweise Liebe oder Respekt. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche verfallen diversen Süchten.

Gleichzeitig steigt auch die Anzahl Betroffener an Angststörungen an, auch pandemiebedingt. Es geht unter anderem um Zukunfts-, Gesundheits- und situationsbezogene Ängste. Wir tauchen ein in die Themen Sucht und Angst, geben tiefere Einblicke, vermitteln Erkenntnisse aus der Praxis und stellen die besten Therapiewege vor.

Sucht

wird als psychische und/oder körperliche Abhängigkeit von etwas verstanden. Psychische Abhängigkeit ist gekennzeichnet durch unwiderstehliches Verlangen nach einer Droge, körperliche Abhängigkeit durch einen Zustand des Organismus, in dem gegen die Substanz eine Toleranz eingetreten ist. Beim Absetzen kommt es zu Entzugserscheinungen, die zu weiterer Einnahme zwingen.
Ursachen: Abhängigkeitserkrankungen treten häufig bei Mitgliedern derselben Familie auf. Umweltfaktoren, Lern- und Konditionierungsprozesse beeinflussen ebenso die Entstehung einer Sucht. Viele Menschen werden schwach, wenn das Suchtverhalten sozial verstärkt wird und Anerkennung damit verbunden ist. Abhängigkeitserkrankungen kommen in allen Schichten vor. In der Vorgeschichte finden sich oft Überforderungssituationen, Stressbelastung, Leistungsdruck, chronische Schlafstörungen, Schmerzzustände oder falsche Vorbilder.

Immer mehr Kinder und Jugendliche betroffen
Die Pubertät hat sich in den letzten 200 Jahren hormonell um cirka fünf Jahre nach vorne verlegt. Sie beginnt bei Mädchen aktuell im Schnitt mit 11,5 Jahren, bei Jungen mit 12,5. Die Grenzen zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter schwinden. Dazu kommen unklare Zukunftsperspektiven, schlechtere soziale und wirtschaftliche Bedingungen etc.

Kein Wunder, dass sich viele Kinder und Jugendliche überfordert fühlen. So erscheint ihnen der Griff zum Rauschmittel als Befreiung. 20 % der Kinder im Grundschulalter bekommen bei harmlosen körperlichen Symptomen Medikamente zur Entspannung oder Leistungssteigerung verschrieben. (Hurrelmann/Bründel, 2003) Das durchschnittliche Einstiegsalter bei Cannabiskonsum liegt heute bei 14 bis 15 Jahren. Fünf Prozent aller Jugendlichen gelten als abhängig von Marihuana oder Haschisch. (Thomasius, 2008) Bei 40 % aller jugendlichen Gewalttaten in Bayern sind Täter und/oder Opfer alkoholisiert oder stehen unter
Drogeneinfluss. (Polizeipräsidium München, 2008)

Je früher der Konsumeinstieg, desto größer die Gefahr, dass das missbräuchliche Konsummuster für den Rest des Lebens bleibt. Daher müssen präventive Maßnahmen schon dann ansetzen, sobald eine Suchtstörung erkennbar ist.

Der Missbrauch von stoffgebundenen sowie stoffungebundenen Süchten entsteht nicht plötzlich. Das Risiko hängt bei Kindern von folgenden Faktoren ab:
– Genetische Disposition
– Verhaltensstörungen
– Geringes Selbstwertgefühl
– Schulprobleme
– Familienkonflikte
– Alkohol-/Drogenmissbrauch sowie geringe Schulbildung der Eltern
– Finanzielle Probleme

In der Pubertät lösen sich Jugendliche von den Eltern ab. Dabei müssen sie wichtige Entwicklungsaufgaben bewältigen:
– Entwicklung eigener Normen und Werte, von Zukunfts- und beruflichen Perspektiven sowie des eigenen Selbst
– Sammeln und Verarbeiten erster sexueller Erfahrungen
– Auseinandersetzung mit dem sich verändernden Körper
– Aufbau eines Freundeskreises mit vertieften Beziehungen
– Definition und Ausfüllung der eigenen Geschlechterrolle
– Entwicklung von Vorstellungen über Partnerschaft und Familie

Die Alkoholsucht

ist die häufigste Suchterkrankung weltweit. In Österreich gelten 340.000 Menschen als alkoholkrank, etwa 750.000 Österreicher konsumieren Alkohol regelmäßig in einem Ausmaß, das gesundheitsschädlich ist.

Die Stadien dieser Sucht gliedern sich in

  • Präalkoholische Phase: Bei Anlässen werden überschaubare Mengen getrunken, um Spannungen zu beseitigen. Leichte Erhöhung der Toleranz führt zu täglichem Konsum.
  • Prodromalphase: Konsum und Toleranzentwicklung nehmen zu. Vorräte werden angelegt, ständiges Denken an Alkohol. Heimliches Trinken mit Schuldgefühlen danach. Der Alkoholkonsum wird verharmlost. Erste amnestische Lücken.
  • Kritische Phase: Starke psychische Abhängigkeit und Kontrollverlust. Schon morgens wird getrunken, die Abstinenzphasen werden kürzer. Der Alkoholkonsum wird bagatellisiert, Hilfe abgelehnt. Familiäre und berufliche Schwierigkeiten häufen sich. Wesensveränderung mit Affektlabilität, Reizbarkeit und Interessenverlust.
  • Chronische Phase: Tagelange Räusche, somatische Komplikationen. Die erhöhte Alkohololeranz vermindert sich hin zur Alkoholintoleranz. Es kommt zu Delirien, Alkoholpsychosen und pathologischen Räuschen.

Folgeschäden wie Schlafstörungen, Gewichtsabnahme, Gastritis, gerötete Gesichtshaut mit Teleangiektasien, Fettleber, Leberzirrhose, Potenzstörungen und Impotenz, Alkoholtremor, Großhirn-, Kleinhirnatrophie, Polyneuropathie sowie ein reduzierter Allgemeinzustand drohen ebenso wie soziale Probleme.

Beziehungen leiden, Gefühlslabilität und Interessenverlust belasten Freunde und Familie, oft kommt es zur Trennung vom Partner oder zur Zerrüttung der Familie. Am Arbeitsplatz fällt der Alkoholiker wegen sinkender Arbeitsleistung und häufigem Fehlen auf. Der berufliche Abstieg ist nicht mehr aufzuhalten. Sachbeschädigung, Diebstahl, Beleidigung, Körperverletzung, Totschlag – für manche endet die Sucht in der Obdachlosigkeit.

Therapiewege

Voraussetzung sind die Bereitschaft, Motivation zur Abstinenz aufzubauen und der Wunsch, sich helfen zu lassen. Die Alkoholtherapie findet stationär statt und besteht aus:

  • Kontaktphase: Informationsvermittlung über psychische, körperliche und soziale Folgen der Alkoholabhängigkeit. Besprechung der bereits eingetretenen Folgen und Formulierung von Zielen und Maßnahmen zur Erreichung dieser. Informationsvermittlung über Therapieformen. Für jeden Patienten wird ein individueller Therapieplan erstellt.
  • Entgiftungsphase: Setzt mit abruptem Alkoholentzug ein und kann zu schweren Entzugssymptomen kommen, daher stationär.
  • Entwöhnungsphase: Dient dazu, das Bedingungsgeflecht der Alkoholabhängigkeit aufzudecken und abzuschwächen.
  • Nachsorgephase: Für die Sicherung des Therapieerfolges ist der nahtlose Übergang von der Entwöhnungsphase in die Nachsorge von großer Bedeutung. Ziele sind, die sozialen Kontakte in einer alkoholarmen Umgebung zu fördern, eine Tagesstrukturierung zu festigen und die Selbstheilungskräfte zu stärken.

Die Nikotinsucht

In Mitteleuropa rauchen 40 % der Männer und 35 % der Frauen. Nikotin hat eine erregende und lähmende Wirkung zugleich. Der durchschnittliche Tageskonsum liegt bei 16 Zigaretten. 75 bis 80 % aller Raucher erfüllen die Kriterien einer Nikotinabhängigkeit:

➤ Zwanghafter Tabakkonsum
➤ Toleranzentwicklung
➤ Körperliche Entzugssymptomatik bei Abstinenz
➤ Fortgesetzter Tabakkonsum trotz Folgeschäden
➤ Veränderung der Lebensgewohnheiten, um den Tabakkonsum aufrechtzuerhalten
➤ Eingeschränkte Kontrolle über das Rauchverhalten

Über die Hälfte aller Raucher sterben frühzeitig an Folgeerkrankungen. Im Schnitt verliert jeder Raucher acht Jahre seines Lebens. An den Folgen von Tabakkonsum sterben jedes Jahr über 15.000 Österreicher.

Die Ursachen der Nikotinsucht sind vielfältig und reichen von der Befriedigung oraler Bedürfnisse über Spannungsabbau bis zur Konditionierung, dass eine Zigarette zur Pause gehört. Meist beginnt die Sucht im Jugendalter durch Gruppenzwang oder Neugierde oder weil Eltern rauchen.

Wirkung
Glimmender Tabak setzt Nikotin frei, das in Lunge und Blut gelangt und die Blut-Hirn-Schranke überwindet. Die Nikotinmoleküle erreichen das Gehirn, heften sich an Nervenzellen und beeinflussen deren Aktivität. Nikotin verändert die Ausschüttung von Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Endorphinen, verbessert Hirnfunktionen wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Lernen, wirkt auf Essen, Trinken und Sexualität belohnend. Die Freisetzung von Catecholamin ist für die positiven Gefühle verantwortlich. Zigaretten enthalten Substanzen, die sich in ihrer Abhängigkeitswirkung potenzieren. Obwohl viele Raucher meinen, mit der Zigarette Stress abzubauen, ist wissenschaftlich das Gegenteil bewiesen: Rauchen stresst, da durch die Sucht immer wieder zur Zigarette gegriffen werden muss, um die Abstinenzsymptome zu bekämpfen.

Die Merkmale der körperlichen Abhängigkeit können Depression, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Kreislaufbeschwerden, Schweißausbrüche sowie starke Unruhe sein. Diese Entzugserscheinungen sind dafür verantwortlich, dass viele Ex-Raucher rückfällig werden. Ein weiterer Grund ist die Gewichtszunahme, die durch den Versuch entsteht, die Unterzuckerung durch Essen zu beheben. Auswirkungen können sich in Akne inversa, aschfahler Hautfarbe, Augenringen, gelben Fingern und Zähnen sowie einer erhöhten Sterblichkeitsrate, Gefäß- und Herzerkrankungen bis zu Krebs zeigen.

Therapiewege
Wenn ein Raucher aufhört, treten unter anderem Entzugserscheinungen wie Angst, melancholische Verstimmung, Konzentrationsschwierigkeiten sowie ein großes Verlangen nach Zigaretten ein. Wenn man konsequent auf Nikotin verzichtet, klingen diese ab. Die psychische Abhängigkeit kann durch Ersatztätigkeiten wie etwa Sport überwunden werden.

Dem werdenden Nichtraucher fehlt die Stimulation seines Belohnungszentrums. Eine Behandlung mit Vareniclin oder Bupropion kann helfen, auch Nikotinpräparate (Kaugummi, Pflaster, Nasenspray) können den Übergang erleichtern.

Unumgänglich ist eine psychologische Betreuung. Die Wirksamkeit der Verhaltenstherapie ist gut belegt. Verhalten kann verändert, das Rauchen abgewöhnt werden. Auch durch Hypnose werden viele Raucher zu Nichtrauchern. Der Therapeut versetzt den Patienten in Hypnose und suggeriert ihm Abneigung gegen Zigaretten, das Raucherprogramm wird durch ein Nichtraucherprogramm ersetzt. Bedingungen für den Erfolg sind die Bereitschaft des Patienten, mit dem Rauchen aufhören zu wollen, und Vertrauen gegenüber dem Therapeuten. Auch Akupunktur kann zur Unterstützung eingesetzt werden.
Suchtvorbeugung
Sucht hat immer etwas mit einem mangelnden Selbstwertgefühl zu tun. Wer mit seinem Leben nicht fertig wird, sucht einen Ausweg. Wenn er keinen findet, greift er zu Suchtstoffen. Diese scheinen hilfreich zu sein, stürzen den Betroffenen aber in die Sucht. Wer über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügt, ist stark genug, in kritischen Situationen nach Lösungen zu suchen. Unser Selbstwertgefühl entwickeln wir in unserer Kindheit. Wer lernt, mit Problemen umzugehen und sein Leben aktiv zu gestalten, wird in Krisensituationen keine große Anfälligkeit für Suchtstoffe zeigen.

Suchtvorbeugung heißt Aufbau der Ich-Stärke unterstützen, Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten stärken und Selbstständigkeit, Selbstachtung, Selbstfindung und Lebensfreude fördern!

Kinder vor Sucht schützen

Für unsere Kinder tragen wir große Verantwortung. Unser Ziel muss sein, sie zu stärken, damit sie später keine Anfälligkeit für Suchtstoffe zeigen. Je mehr Selbstvertrauen Kinder haben und je besser sie mit Konflikten und Misserfolgen umgehen, umso leichter fällt es ihnen, Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dies ist wichtig, wenn es darum geht, „Nein“ zu sagen beim Ausprobieren von Suchtmitteln.

Unterstütze dein Kind, schenke Vertrauen, hab ein offenes Ohr und hilf ihm, Rückschläge zu verkraften!

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