Frau Holle: Nur ein Märchen?

von Sabine Jocham-Tizaj

Nach wie vor kennt so gut wie jedes Kind Frau Holle. Sie ist die alte strenge Frau aus dem Märchen, die der Fleißigen Gold und der Faulen das Pech schenkt.

Doch Frau Holle ist viel mehr, als nur eine Gestalt der Gebrüder Grimm. Sie ist eine alte, eine wirklich uralte Göttin. Sie hat viele Namen. Sie ist die Huld, die Holde oder einfach auch nur Holle.

Frau Holle gab es schon lange vor Grimms Märchen. Forscher sind sich weitestgehend einig: Frau Holle ist eine Form der Großen Mutter, welche in allen Hochkulturen zu finden ist. Sie ist eine Erd- und Unterweltgöttin, die Fruchtbarkeit verkörpert, mit der Kunst des Ackerbaus verbunden ist und die Magie beherrscht. Frau Holle betreibt Kräuterkunde und ist vor allem mit dem Wacholder und dem Holunder eng verbunden.

„Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.“ 

So beginnt das Märchen der Frau Holle. Das Spinnen kennen wir auch von der nordischen Göttin Frigg. Ihre Aufgabe ist es unter anderem, den Schicksalsfaden zu spinnen, den sie den Nornen überreicht, damit diese daraus das Wyrd der Menschen weben. Frigg ist die Gattin von Odin. In den Rauhnächten reitet Frigg an der Seite ihres Gemahls durch die Lüfte. Das Spinnrad steht still. In alten Fabeln reitet auch Frau Holle durch die Nacht. Man geht davon aus, dass es sich bei beiden Figuren um ein und dieselbe Person handelt.

Der Einfluss Roms auf die Germanen war im vierten und fünften Jahrhundert sehr stark, so verschmolz Frigg immer mehr mit Diana, ihrem italienischen Pendant. In mittelalterlichen Handschriften wird sie oftmals „Hulda“ genannt.

Dann brach eine Zeit heran, in der der Name Frigg nicht mehr ausgesprochen werden durfte. Das Bauernvolk ließ jedoch Frau Holle und ihre vielen weiteren Namen weiterleben.

Die Percht aus dem Alpenraum ist im Übrigen auch niemand geringeres als Frigg oder die Holle selbst. Immerhin dürfen Gold- und Pechmarie noch durch den Brunnen in die Anderswelt reisen und Frau Holle beherrscht weiterhin die Kunst, es auf der Erde schneien zu lassen.

❄️ In das Reich der Holle kann man über das Wasser gelangen. Sie ist mit den Seen, Teichen und Quellen eng verbunden. Ihr Reich liegt am Grunde der Gewässer. Wie im Märchen geschildert, kann das Reich der Holle auch über einen Brunnenschacht betreten werden.

❄️ Frau Holle wandelt mit dem Nebel, begleitet von den Nebelmaiden. Gemeinsam ziehen sie über das Land und helfen sowohl Frauen und deren Kinder.

❄️ Die Holle ist ebenso mit dem Holunder verbunden. Er trägt nicht von ungefähr auch den Namen Holler. In einigen Geschichten werden die Blüten des Hollers zu Schnee, der auf die Erde fällt. Ein Holler darf nicht gefällt werden, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu bitten. In ihm leben die nachtfahrenden Hexen. Er ist der Holle liebster Baum. Sie nutzt ihn gerne, um durch die Welten zu reisen.

Frau Holle ist die weise Alte der drei Göttinnen (Jungfrau, Mutter und weise Alte), die sogenannte Wintergöttin. Ihre Macht erhalten die drei durch einen Holunderstab. In der Nähe des Eingangs von alten Bauernhäusern findet sich deshalb auch oft ein Holunder, der Glück bringt und das traute Heim schützt.

In jener Zeit, in der die uralten Göttinnen nicht mehr genannt werden durften, fanden sich neue Wege altes Wissen zu erhalten. So lebte statt der Frigg die Frau Holle in scheinbar harmlosen Märchen und Sagen weiter.

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