Babyboomer und der Stubenarrest

von Dr. Barbara Kienast

Ich bin ein Babyboomer. Genauer gesagt eine Babyboomerin. Und somit in einer Welt aufgewachsen, die für uns immer größer wurde …

 

Mein erstes Auto war ein Fiat 126. 23 PS und gelb wie ein Briefkasten. Wenn ich meinen Einkaufskorb auf dem Beifahrersitz und meinen Cockerspaniel auf der Rückbank abgelegt hatte, war das Auto voll. Mein heutiges Auto hat 140 PS und bietet fünf Personen und einer IKEA-Küche ausreichend Platz.

Wir sind es gewohnt, dass sich die Freiheitsgrade für uns ständig erweitern: Vom Badesee der Heimatgemeinde über das Mittelmeer, den Atlantik bis hin zur Karibik. Von der reinen Mädchenschule über koedukative Ausbildungen und bunt gemischte WGs bis hin zu Patchworkfamilien und eingetragenen Partnerschaften.

Die Welt stand uns offen – soweit, wie das Portemonnaie gereicht hat. Europäische Grenzen wurden geöffnet, in Berlin fiel die Mauer, die Unfähigkeit, die Lira oder den Dinar richtig umrechnen zu können, spielte keine Rolle mehr. Frauen eroberten die Universitäten und Chefetagen, die Kirche hat ihren Einfluss eingebüßt, Fliegen wurde so günstig, dass Kurztrips in jede europäische Hauptstadt spontan möglich waren, die Informationstechnologie ersparte uns den Weg zum nächsten Postamt, Nachrichten konnten plötzlich Tag und Nacht versendet werden, Telefonate waren nicht mehr davon abhängig, ob wir zuhause waren und eine freie Leitung bekamen – überall und in jeder Lebenslage lernten wir, Gespräche zu führen … eine Erweiterung unserer Freiheitsgrade auf allen Ebenen!

Und jetzt das: Einschränkung unserer Freiheitsgrade. Das erste Mal, seit wir dem Alter von Hausarrest entwachsen sind. Und auch den erlebten wir damals als Maximum der Ungerechtigkeit und des Machtmissbrauchs einer hilflosen Autorität.
Foto: AdobeStock

Das, was wir zurzeit erleben und empfinden mag sich anfühlen, wie eine depressive Verstimmung: Antriebslosigkeit, Verlust an Freude, Rückzugstendenzen und dunkle Gedanken. Was jedoch der Unterschied zu einem klassischen depressiven Denkmuster im Sinne einer erlernten Hilflosigkeit¹ ist, ist das Nicht-Vorhandensein des „me“. Das „me“ bedeutet: „Es liegt an mir!“ Das bedeutet, dass ich mich für die Situation, in der ich mich befinde, schuldig fühle. Die weiteren zwei Denkmuster betreffen das „always“ – „Das wird auch in Zukunft so ein!“ und das „everything“ – „Es wird überall so sein!“

Lesen Sie den ganzen Artikel in der CHI-Ausgabe ab 2. September
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