Lungenmeridian: Ja zum Leben

von Elisabeth Lis Kundegraber

Wenn wir bei der Geburt unseren ersten Atemzug tun, sagen wir zum ersten mal JA zum Leben. Der Strom des Lebens kommt in Fluss. Voll Vertrauen öffnen wir uns und sind bereit, Qi, die Lebensenergie, in uns aufzunehmen und in unserem Körper zu verteilen. Vom ersten bis zum letzten Tag sagen wir mit jedem Atemzug JA zum Leben und auch JA zu uns selbst.

Wenn wir atmen, nehmen wir Qi in uns auf und geben Verbrauchtes, das uns nicht mehr dienlich ist, ab. Dieser natürliche lebenslange Rhythmus versorgt nicht nur unsere Lungen, sondern nährt den gesamten Körper. Ein achtsamer Blick hin zu diesem lebensspendenden Meridian lohnt sich. Denn er ist es schließlich, der uns in einer aufrechten und lebensbejahenden Haltung unterstützt. Mit einem freien Lungenmeridian öffnen wir uns für die Geschenke des Universums und sind bereit, sie anzunehmen. Auch wenn der Sturm des Lebens bereits Schrammen hinterlassen hat und der freie Fluss der Atmung gestört ist: Unser Körper ist immer auf Heilung ausgerichtet. Und so lassen sich auch typische Zeichen eines Ungleichgewichts im Lungen-System wie Husten, Asthma und Hautprobleme über diesen Meridian positiv beeinflussen, mitunter sogar heilen.

Gesunde Lunge – reine Haut

Alles im Körper, das mit der Atmung in Verbindung steht, wird auch dem Lungen-Meridian zugeordnet. Darüber hinaus öffnet sich die Lunge laut Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) über Haut und Nase. Die Haut als größtes Atmungsorgan und Hülle unseres physischen Körpers ist unsere Verbindung zur Außenwelt. Sie ist auch jenes Organ, das uns vor dem Außen schützt. Sie grenzt uns ab. Reagiert die Haut auf Einflüsse von außen, ist es ratsam, auf ihre Botschaft zu hören. Wovon oder vor wem soll ich mehr Abstand halten?

Wurde die Seele verletzt, legen sich viele Menschen eine sogenannte dicke Haut zu. Sicher ist sicher. Streng wird kontrolliert, was oder wer hinein darf. Und so verschließt sich der Mensch mitunter vermehrt und lässt schließlich auch die schönen Dinge des Lebens nicht mehr zu.

Doch auch Menschen mit zu dünner Haut haben es nicht leicht. Sie nehmen vieles persönlich und fühlen sich angegriffen. „Rühr mich nicht an“ spricht schließlich die Haut, und drückt dies immer deutlicher über Symptome wie Neurodermitis, Psoriasis und Kontaktallergien aus.

Sitz deiner Abwehrkräfte

Im Lungen-Meridian wohnt das sogenannten Abwehr-Qi. Lunge, Haut und Nase haben die große Aufgabe, uns vor pathogenen Faktoren zu schützen. Dringen Kälte oder Feuchtigkeit in den Körper ein, so unterstützt uns dieses Abwehr-Qi dabei, es auch wieder loszuwerden. Schleim wird abgehustet, Fieber vertreibt die Kälte. Der Körper ist weise und spricht oft eine deutliche Sprache. Auch ein unwillkommener Schnupfen zeigt uns mitunter ganz klar, wovon wir die Nase voll haben oder worauf wir husten.

Der seelische Aspekt: Trauer

Trauer ist laut 5 Elemente-Lehre eine der fünf Emotionen. Sie ist jenes Gefühl, das den größten Einfluss auf die Lunge hat. Erleben wir etwas Trauriges, lassen wir die Schultern hängen und die Atmung wird erschwert. Trauer ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Menschen mit einer gesunden Einstellung zum Leben können nach der Phase des Trauerns wieder nach vorne schauen, sich öffnen und schließlich wieder ganz JA zum Leben sagen. Ein tiefer Atemzug drückt aus, dass das Leben weiter geht und schafft schließlich wieder Raum für Neues.

 

Loslassen und Abgrenzen – die Aspekte von Herbst

Der Herbst ist die Zeit des Rückzugs, des Innehaltens. So, wie die Bäume das, was nicht mehr tragbar ist, loslassen, werden auch wir dazu aufgefordert, innezuhalten, um zu erkennen, was wir nicht mehr tragen können oder wollen.

Loslassen. Das ist das große, herbstliche Thema in der Natur UND in uns. Die Lunge unterstützt uns dabei. Mit jedem Ausatem befreien wir uns ein Stück weit von Altem, Verbrauchten. Für die großen Dinge, die es gilt, loszuwerden, ist schließlich der Partner der Lunge, der Dickdarm zuständig. Unterstützen wir mit der richtigen Ernährung, Kräutern und Körperarbeit diese natürlichen Vorgänge, tut das unserer Gesundheit gut und wir stärken unsere Abwehrkraft.

Den Lungen-Meridian spüren und anwenden

Wendest du dich den Meridianen zu, verbindest du dich mit einem Netzwerk, das darauf ausgerichtet ist, dein körperliches und seelisches Wohlbefinden zu unterstützen. Durch deine Berührung förderst du auf sanfte Weise die Balance im Meridian und den zugehörigen Funktionen. Über die Körperarbeit hast du die Chance, Einfluss auf deine körperlichen UND seelischen Aspekte des Meridians zu nehmen. Tiefsitzende Verletzungen und Trauer können dadurch an die Oberfläche kommen und in Zusammenhang stehende Körpersymptome können sich so verbessern oder sogar auflösen.

Du findest den Lungen-Meridian auf beiden Armen. Er verläuft von deinem Schulterblatt die Innenseite deines Armes entlang bis zur Spitze deines Daumens.

 

Meisterpunkt für die Atmung: Lunge 7
Dieser Punkt unterstützt dich bei
– allen Bronchial- und Lungenerkrankungen (auch Asthma)
– Halsschmerzen
– fieberhaften Erkältungserkrankungen
– Kopfschmerzen

Du kannst ihn eine Weile halten, drücken oder massieren – so fest und so lange, wie es für dich passt.

Die richtige Ernährung für starke Abwehrkräfte

Dem Metall-Element mit den beiden Organen Lunge und Dickdarm werden die Farbe Weiß und scharfer Geschmack zugeordnet. Alle weißen Gemüse-Sorten wie Sellerie, Lauch, Karfiol und Schwarzwurzel, Rettich, Zwiebel und Kren haben eine positive Wirkung auf die Metall-Organe. Gemeinsam mit kleinen Mengen scharfer Gewürze unterstützen sie deine Abwehrkräfte und sind so ein guter Schutz vor Erkältungen.
Achtung: Bei trockenem Husten, Heiserkeit und Fieber lass die scharfen Gewürze weg.

Weitere Nahrungsmittel für das Lungen-Qi: Birnen, Mandeln, Weintrauben, Eier und Polenta. Warme Speisen als Basis deiner Ernährung unterstützen dein Immunsystem immer, aber ganz besonders in der kalten Jahreszeit. Suppen, Eintöpfe und Gegartes nähren deine Verdauungsorgane und somit deine Mitte. So kannst du innerlich gewärmt die stille Zeit des Jahres genießen.


Aus CHI 05/2021

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