Ich bin hochsensibel – und das ist gut so

von Renate Neuhold

Es gibt Menschen, die Gefühle, Geräusche, Stimmungen, Situationen ganz anders, viel intensiver als andere wahrnehmen. Was „Normale“ gut filtern und ausblenden können, ist für hochsensible Menschen eine ständige unbewusste Reizaufnahme: wie eine weit geöffnete Scheune, in die eine Horde Büffel trabt.

 

Die US-amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron hat sich intensiv mit dem Thema der Hochsensibilität auseinandergesetzt und dazu geforscht. Der Begriff HSP (highly sensitive person) wurde von ihr geprägt und ihr ist es auch zu verdanken, dass hochsensiblen Menschen (wie sie selbst einer ist) und deren Reaktionen bzw. Bedürfnissen vermehrt Beachtung geschenkt wird.

Dr. Aron beschreibt HSPs als Menschen, die eine >sensory processing sensitivity<, also eine „sensorische Verarbeitungs-Empfindlichkeit“ als genetische Charaktereigenschaft haben. Diese Eigenschaft findet sich bei immerhin 15-20 % der Bevölkerung. Und auch wenn man versucht ist, die Attribute einer HSP hauptsächlich Frauen zuzuschreiben, muss hier gesagt werden dass 50 % der HSP tatsächlich Männer sind. Was für die Betroffenen, in unserem Gesellschaftskonzept von „Männer müssen immer stark sein“ zu erheblichen Belastungen führt. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

 

„Beeing a HSP is not an illness AND it is also not a choice“

– Elena Herdieckerhoff

 

Hochsensibel zu sein heißt, ganz einfach gesagt, nur, dass man Dinge/Menschen/Situationen anders wahrnimmt. Intensiver. Man ist feinfühliger. Ich selbst war mir lange Zeit gar nicht bewusst, dass ich eine HSP bin. Ich dachte einfach, dass es normal ist, wenn man manche Musikstücke richtig körperlich spürt. Oder dass ich Stimmungen und Emotionen in einem Raum voller Menschen sekundenschnell wahrnehmen kann. Aber nicht alles bringt mir angenehme Zustände. Geräusche etwa, die ich nicht zuordnen oder beeinflussen kann, sind mir höchst unangenehm. Ich höre die leisesten Geräusche, muss ihnen auf den Grund gehen, muss wissen, woher sie kommen, weil ich sie wahrnehme und sie mich stören. Sehr oft zur Verwunderung von meiner Familie, die nix von alldem mitkriegt. Wie ein Radargerät richten sich alle meine Sinne (ob ich will oder nicht) auf dieses Geräusch aus.

Außerdem reagiere ich auf „zu laut, zu schnell oder zu viel“ – das schlägt mir recht bald aufs Gemüt, löst Beklemmung aus. Wie zum Beispiel zu viele Menschen gleichzeitig an einem Einkaufssamstag auf der Mariahilfer Straße oder Konzerte. Wenn in einem Lokal zu laute Musik läuft, kann es durchaus sein, dass ich mich nicht mehr auf mein Gegenüber konzentrieren kann, weil meine Sinne den Songtext wahrnehmen und übersetzen wollen. Es bedarf hoher Konzentration, um diese „Störer“ auszublenden und mich wieder auf mein Gegenüber zu fokussieren. Ich werde außerdem ganz unrund, wenn mir jemand bei Schlange-stehen zu nahe „auf die Pelle“ rückt. Ich mag außerdem keine gewalttätigen oder gruseligen Filme anschauen, weil die Inhalte/Bilder mich sehr lange verfolgen. Und meinem besonders überaktiven Geist verdanke ich von Zeit zu Zeit meine Schlaflosigkeit.

Über den Tag verteilt können diese vielen Sinneswahrnehmungen ziemlich mühsam und herausfordernd sein. Ich habe gelernt, mich dann ganz dringend zurückzuziehen, um das alles mal sacken lassen zu können und die mannigfachen Sinnesreize zu verarbeiten. Als Erwachsene kann ich mein Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug mittlerweile kundtun und umsetzen.

Kinder & HSP

Bei Kindern ist das ganz anders gelagert – da bestimmen oft das Umfeld/die Eltern, was grade zu tun ist: Schule, Kurse, Trainings, Geburtstagsparty …  Für „normal“-sensible Kinder ist das verkraftbar (aber auch nicht dauerhaft). HSP-Kindern setzt das permanente beschäftigt-sein zu und sie reagieren heftig, um sich ausklinken zu können. So kommt es, dass durch dieses Verhalten HSP-Kinder (fälschlicherweise) in die Laden „unkonzentriert“, „leistungsschwach“, „hyperaktiv oder ADHS“, „aggressiv“, „eigenbrötlerisch“, „lernschwach“ gesteckt werden. Manchmal brauchen sie nur Ruhe oder Rückzug, um die Reizüberflutung durchbrechen zu können. Oft wirken HSP-Kinder auf andere auch schüchtern, dabei beobachten sie nur genau und ruhig und verarbeiten, was sie wahrnehmen. Sie brauchen einfach Zeit, um sich zu adaptieren.

Früher wusste ich nicht, dass meine Art zu fühlen, wahrzunehmen, zu reagieren, meiner hochsensiblen Seite zuzuschreiben ist. Ich fühlte mich irgendwie „komisch“ oder verkorkst, weil mir manche Menschen aus meinem Umfeld – oft ungefragt – die „allerbesten“ Tipps gaben, wie zum Beispiel, mich ein „bissl lockerer“ zu machen und „weniger empfindlich“ zu sein. Oder ich hörte oft Dinge wie: „Du bist zu sensibel“, „Nimm dir nicht alles so zu Herzen“, „Du solltest ein bissl tougher werden“ und blieb zurück mit dem Gefühl „fehlerhaft“ zu sein.

 

Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen
– Astrid Lindgren

 

Dr. Aron beschreibt HSP als Menschen, die viel zu geben haben, denn sie sind neugierig, oftmals sehr kreativ, intuitiv, fühlen schneller, was andere fühlen, bevor die es spüren Sie haben außerdem die Gabe, viel mehr ihres Umfelds wahrzunehmen und zu integrieren und können das über viele Jahre Erlebte und Verstandene kombinieren und daraus Neues entwickeln. Hochsensitiv zu sein ist also auch durchaus vorteilhaft.

Die wichtigsten Eigenschaften einer HSP beschreibt Dr. Aron mit dem Akronym DOES:

D = Depth of Processing (Verarbeitunstiefe): starke Fähigkeit, wirklich alles tief und ausreichend analysieren zu können.

O = Overstimulation (Überstimulation): schnelle Überforderung von der Welt um uns herum.

E = Empathy (Empathie): fühlen, was andere fühlen.

S = Awareness of subtleties (Subtiles bemerken): feiner Sensor, um die kleinsten Dinge wahrzunehmen.

 

Die Vorteile und Qualitäten meiner Hochsensibilität nutze ich heute in meinem Beruf als Gesundsheitspädagogin und Stress-Management-Coach bzw. als Entspannungs- und Achtsamkeitstrainerin, weil ich sehr schnell und einfach eine tiefe Verbindung mit anderen Menschen eingehen kann und eine starke Intuition habe, die mich wie ein inneres Navi führt. Ich spüre eben viel schneller, was im Hintergrund noch nicht ausgesprochen wurde, höre auch die Botschaften zwischen den Zeilen.

Eine HSP zu sein, heißt aber nicht, dass man automatisch introvertiert und verschlossen ist. Überhaupt nicht. Wer mich kennt, würde genau das Gegenteil erzählen.

Hochsensibel ist nicht gleich introvertiert!

Das häufigste Stereotyp bei HSP ist die Annahme, sie seien introvertiert. Tatsache ist jedoch, dass nahezu 30 % der HSP extrovertiert sind. Die Sängerin Alanis Morisette ist eine HSP und man würde sie aufgrund ihrer Profession wohl als eher extrovertiert beschreiben. Viele Menschen können es nicht glauben, dass sie hochsensibel ist. Der Grund liegt in der Annahme, dass alle hochsensiblen Menschen auch introvertiert sein müssen. Auch ist man nicht automatisch schüchtern oder sehr emotional. Man muss auch nicht „wie auf rohen Eiern“ um eine HSP rumtanzen, weil sie schwach oder zerbrechlich ist.

Ein/-e HSP lebt einfach mit ständig hochalarmierten und aufmerksamen Sinnen, hat eine lebhafte innere Welt, in der alle Emotionen verstärkt sind. So wird Freude zum Beispiel manchmal pure Extase und Traurigkeit kann sehr tiefer Kummer werden. Und Mitgefühl ist fast grenzenlos. Man ist in permanenter Verbindung mit der Umwelt.

Es gilt, eine Balance zu finden zwischen Draußen-sein und sich zurückziehen, um Reizüberflutung zu vermeiden. Alanis verarbeitet und beschreibt ihre Hochsensibilität übrigens in ihrem Song „that i would be good“.

Ein/-e HSP zu sein, ist viel mehr als nur emotionale Reaktivität. Sie bringen eine Qualität ein, die in unserer Gesellschaft aktuell (noch) nicht positiv besetzt ist. Wer nicht laut oder wettbewerbsorientiert ist, sich immer vordrängt, wird schnell als fad, unwissend oder Mauerblümchen abgestempelt und in eine Ecke geschoben. Dabei haben HSP viele wunderbare Fähigkeiten, die sie in die Gesellschaft einbringen: Sie spüren mehr und nehmen wahr, was zwischen den Zeilen passiert, haben großes Mitgefühl sowie eine schnelle Auffassungsgabe.

Ich glaube, wir sind alle sensibel – in verschiedenen Ausprägungen, und eine HSP ist einfach nur am äußersten Ende des Spektrums. Und wir wissen schließlich alle, dass auch die leisen Töne ein Musikstück erst komplett und wundervoll machen.


Mehr zum Thema gibt’s in unserem Podcast

 

Weiterführende Links:

Hochsensibel-Test 
Netzwerk Hochsensitiv
Zart besaitet – Plattform für hochsensible Personen (HSP) incl. Test

 

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