Gut gebrüllt, Ego?

von Wolfgang Lugmayr

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Ego hindert uns an der persönlichen Weiterentwicklung. Ohne Wenn und Aber. Punkt! Doch das hindert uns nicht, dem Ego den verdienten Platz in unserem Leben zu geben.

 

Beginnen wir mit dem Begriff „Ego“: Es ist jener Teil des ICH (der eigenen Identität), der fremdbestimmt ist. Es ist das Fremd-ICH, das Außen-ICH. Es ist jener Teil des ICH, der sich aufzubauen beginnt, sobald uns jemand sagt, „was gut und richtig“ für uns ist. Und es liegt ganz offensichtlich in der Natur des Menschen, dass dieses Ego bald zum bestimmenden Teil unseres Lebens wird. Es wird zum Antrieb.

Weniger offensichtlich ist – vor allem auch wegen der Einflussnahme des Ego –, dass dies im Lebensverlauf zur großen Last für unser Wohlbefinden wird. Das Ego schiebt uns immer neue Symptome vor, um diese Tatsache zu verschleiern. „Alles andere ist schuld“ oder „jemand anderer“, ob der Partner, der Stress oder ein Virus.

Warum ist das so?

Das Ego mag einfach keine Veränderung, es fühlt sich wohl in seinem Hamsterrad. Es wird uns immer neue Möglichkeiten zeigen, dieses Hamsterrad zu einem Wohlfühlort zu machen, indem wir es neu dekorieren oder auch einmal Tempo herausnehmen bei unseren „Schritten nach vorne“. Doch es bleibt ein Schein.

Die Werkzeuge, mit denen das Ego dies bewerkstelligt, sind übrigens Verstand und Vernunft. „Wie willst du deine Miete bezahlen, wenn du den Job jetzt aufgibst?“. Kennst du diese Stimme aus dem „Off“ bzw. dem „On“, wenn sie aus dem Mund eines lieben Menschen aus deinem Umfeld kommt?

Ist das denn so schlimm?

Fragen wie diese – sofern sie denn kommen – verdanken wir als lebende Wesen einer wunderbaren Eigenschaft: der Neugier! Wir wollen außerdem den Dingen auf den Grund gehen. Wenn wir dann einmal soweit sind, diesen Grund auch zu erfahren.

Möchtest du übrigens gerade keine Antwort haben (oder du kennst sie bereits), kannst du gleich aufhören, diesen Beitrag zu lesen. Doch wenn dich das noch neugieriger macht …

Beginnen wir dabei von vorne: Schlimm ist gar nichts, denn Begriffe – eher sind es Bewertungen – wie „schlimm“ oder „gut“ sind zumeist ebenfalls dem Ego entsprungen (es sei denn du gehörst zu den wenigen – sehr neugierigen – Menschen, die selbst auf die Herdplatte gegriffen haben, um festzustellen, dass die anschließenden Schmerzen schlimm sind).

Der Verbleib im Ego bzw. im Hamsterrad hindert uns an der persönlichen (der „inneren“) Weiterentwicklung.

Diese Weiterentwicklung verhilft uns über Erfahrungen zur Erkenntnis,
was unsere wahren Talente, Möglichkeiten und Aufgaben im Leben sind.

Wir sind nun an einer entscheidenden Wegkreuzung angelangt.

Wenn du an dieser Erkenntnis interessiert bist, darfst du dich zuallererst mit deinem Ego auseinandersetzen und dieser Weg ist definitiv steinig und auch manchmal schmerzhaft. Daran führt auch kein anderer Weg vorbei. Es ist an dieser Stelle der einzige Weg in einem engen Tal und du hast zu Beginn kein Ziel in Sicht.

Der „andere“ Teil

Ich habe beim Ego von dem einen Teil des ICH geschrieben, denn da gibt es noch etwas! Es ist das „Selbst-Ich“, das „Innen-Ich“ oder einfach das SELBST. Im Selbst kommen wir auf die Welt und wir entscheiden SELBST, um wir in diesem Selbst auch wieder unseren Körper verlassen, ob wir als „grumpy old (wo)men“ gehen oder als weise(r) Alte.

Sprechen wir vom Verstand und der Vernunft als die Werkzeuge des Egos, sind es beim „Eigen-Ich/dem Selbst“ das Herz und damit untrennbar verbunden die Intuition.

Im Selbst, das man gerne auch noch in Inneres und Höheres Selbst unterteilen kann (eigene, individuelle Erfahrung trifft hier auf alle eigenen Erfahrungen in einem Kollektiv), liegen unsere wahren Talente, Möglichkeiten und Aufgaben verborgen. Es sind die Schätze, die es zu heben gilt. Es ist alles da und braucht, sobald es uns bewusst ist, nur noch verfeinert und angewendet zu werden.

Doch genau hier hat das Ego etwas dagegen und möchte uns ablenken, mit „wichtigen Ausbildungen, um etwas zu erreichen“ (merke hier bitte das AUS in bzw. für die Bildung), mit der „Karriere“, mit möglichst vielen Freizeitbeschäftigungen und den damit verbundenen Terminen, mit Ängsten und Sorgen aller Art.

Dem Selbst ist das alles egal, es ist da und vor allem wertfrei. Es kann warten. Manchmal – wenn eine entscheidende Aufgabe oder Möglichkeit ansteht – spricht es zu uns über unsere innere Stimme, manchmal stupst es uns an, schickt uns ein Unwohlsein, manchmal stupst es auch heftiger und wir werden so richtig krank. Zeichen, die wir umso mehr beachten, je bewusster wir werden.

Doch sind wir uns oft noch nicht einmal unseres Bewusstseins wirklich bewusst.
Wir stehen hier ganz am Anfang.

Wie kann ich bewusster werden?

Wenn du dir diese Frage stellst, bist du entweder noch immer sehr neugierig und/oder du hast deine innere Stimme schon vernommen bzw. fühlst dich gerade nicht wohl.

Was ist dieses Bewusstsein? Es ist – wie der Name schon vermuten lässt – bewusstes SEIN, das bedeutet ein SEIN verbunden mit all unseren Sinnen (Hören, Sprechen, Riechen, Schmecken, Fühlen), dem Atem und frei von Erwartungen. Das Ganze am besten immer gleichzeitig.

Foto: Alphaspirit/AdobeStock

Klingt das komplex für dich?

Beginnen wir gleich mit der guten Nachricht: Das Atmen wird uns schon einmal abgenommen, von „atman“, unserem Unterbewussten (wobei es auch fortgeschrittene Übungen gibt, um das bewusste Atmen mit einzubeziehen).

Es folgt sogleich die weniger gute Nachricht: Alles andere ist doch in Einklang zu bringen, wenn man seinen Weg fortsetzen möchte. Das ist gar nicht so leicht, denn wir sind diese Form der Achtsamkeit uns SELBST gegenüber einfach nicht mehr gewöhnt. Das Ego hat zumeist ganz Arbeit geleistet und uns vom Bewusstsein weggetrieben. Wir sind bequem geworden.

Wir hören, doch wir fühlen dabei nicht …
wir schmecken, doch wir riechen nicht …
wir sprechen, ohne davor zuzuhören …

Wie sieht es gerade mit Déjà-vu’s aus?

Mir haben während meines Prozesses verschiedene Meditationstechniken geholfen, ohne dabei bewusst das Ziel gehabt zu haben, durch Meditation bewusster zu werden. Genau das ist die Essenz:

Erwarte NICHT, dann wird es passieren …

Gleich ein Tipp dazu: Übe dich am besten im Freien in Meditation, in unmittelbarer Naturverbundenheit, zu jeder Jahreszeit. Die Natur gibt dir die Antworten, die du brauchst. Dazu braucht es keinen Filter, wie zum Beispiel ein Dach, das dir den Blick gen Himmel verwehrt.

Öffnest du dich dem Bewusstsein und dem Selbst wirst du in vielen Fällen „sehr plötzlich“ eine Vielzahl von Antworten auf deine Fragen erhalten. Auch auf Fragen, die du dir vielleicht noch gar nicht gestellt hast (manch einer nennt das dann „Erleuchtung“).

Wohin führt uns der Weg … zum Selbst?

Unser Ziel auf diesem Weg darf sein: das Vertrauen zu erhalten, um die ersten Schritte auf die Seite zu machen, raus aus dem Hamsterrad, so gemütlich es auch scheinen mag mit all seinen Annehmlichkeiten. Denn im Hamsterrad führt der Weg weder nach vorne noch nach oben, du drehst dich am Ende des Tages einfach nur im Kreis …

Ist das alles kein Problem für dich?

Dann ist es gut, wie es gerade ist. Es ist für dich noch nicht an der Zeit, neue Wege zu beschreiten. Diese Zeit wird kommen, achte einfach auf die Zeichen, die dir dein Selbst geben wird. Wenn du diesen Artikel bis hierher gelesen, bist du bereits auf diesem Weg … und an deinem persönlichen Weg führt auch kein anderer Weg vorbei (sic!).

Zu guter Letzt: Was tun mit dem Ego?

Nimm es einfach liebevoll in den Arm, lass es spielen, ruhig auch einmal brüllen … beobachte es dabei, lerne auch aus diesem Spiel, doch lass es nie (mehr) zu deinem Antrieb werden!

Wäre Stillstand meine Aufgabe, wäre ich zum Baum geworden. Der Baum erfüllt die ihm gestellten Aufgabe ganz wunderbar, er ist verbunden mit Himmel und Erde, gibt Schutz und Kraft. Ich bin Mensch, habe mit dem mir geschenkten Intellekt und meinen individuellen Talenten vielfältige andere Möglichkeiten, um meine Aufgaben zu erfüllen.

Viel Freude beim Erfahren!

 

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1 Kommentar
  1. Sylvia sagt

    Vielen Dank, lieber Wolfgang, für diese wunderbaren Zeilen.
    Es tut gut, immer wieder daran „erinnert“ zu werden – gerade in diesen sehr turbulenten Zeiten :).
    Sylvia

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